
© Science Photo Library
Jeder weiß: Rauchen, Alkohol, Übergewicht oder zu viel UV-Licht kann Krebs verursachen. Dass jede zehnte Tumorerkrankung auf eine Virusinfektion zurückzuführen ist, dürfte vielen weniger bewusst sein.
Aktuell sind sieben Erreger identifiziert, die im Zusammenhang mit Krebserkrankungen beim Menschen stehen – die häufigsten dieser sogenannten Tumorviren sind Hepatitis-, Epstein-Barr- und humane Papillomviren (kurz HPV). „Die durch diese Keime entstandenen Infektionen allein machen definitiv keinen Krebs“, sagt Ralf Bartenschlager, Leiter der Abteilung Molekulare Virologie am Uniklinikum Heidelberg und der Abteilung Virus-assoziierte Krebserkrankungen am Deutschen Krebsforschungszentrum. „Aber sie begünstigen in hohem Maß, dass Zellen entarten, wenn noch weitere Auslöser dazukommen.“
Zwei Hauptmechanismen, wie Krebs entsteht
Die Wissenschaft kennt zwei Hauptmechanismen, wie sich der Krebs entwickeln kann. Zum einen lösen die Viren eine Immunreaktion aus, die aber nicht ausreicht, um das Virus zu kontrollieren.
Diese Immunantwort richtet sich stets gegen körpereigenes Gewebe, es kommt zu einer chronischen Entzündung. „So entsteht eine Gewebeumgebung, in der krebsauslösende Mutationen besonders leichtes Spiel haben“, weiß Bartenschlager. „Trifft so eine Erbgutveränderung zufällig ein Gen, das wichtig ist, um die Zellteilung zu kontrollieren, kann sich die Bremse lösen und ein Tumor wachsen.“
Der zweite Mechanismus hängt stark vom jeweiligen Virus ab. Die Partikel bauen Teile ihres Erbguts in die infizierte Zelle ein – und damit in das menschliche Genom.
„Das tun sie in aller Regel nicht absichtlich, es ist eher eine Art Unfall“, beschreibt es Bartenschlager. Erfolgt der Einbau in ein Gen, das für die Regulierung der Zellteilung wichtig ist, kommt es direkt zur Mutation. Einige dieser Viren wie HPV haben aber auch Gene, die in der Lage sind, Zellen zum Wachstum anzuregen. Geraten diese Virusgene in das Genom der infizierten Zelle, können sie dauerhaft aktiv sein – und so die Zelle zur unkontrollierten Teilung stimulieren.
Je nachdem, welche Gewebe und Organe die Viren angreifen, entstehen entsprechende Tumoren. HPV befällt die untersten Hautschichten und kann Gebärmutterhalskrebs oder Mund-Rachen-Tumoren auslösen.
In Deutschland werden die Hälfe der Rachenkrebsfälle auf HPV zurückgeführt – Tendenz steigend. Epstein-Barr- Viren sind als Verursacher zahlreicher Krebsarten, insbesondere Lymphomen, bekannt.
Hepatitisviren entern dagegen die Leber. Sie stehen vermutlich mit bis zu 80 Prozent aller Leberkrebsfälle in Zusammenhang. „Weil es zu einer chronischen Entzündung kommt, geht das Organ über die Jahre kaputt, Leberzellen sterben ab. Auf diesen Zellverlust reagiert der Körper mit der Ablagerung von Bindegewebe – die Leber vernarbt, wird hart und klein“, so Bartenschlager. Neun von zehn Leberkarzinomen entstehen in Folge einer solchen Leberzirrhose.
Bislang bekannte onkogene Viren
- Humanes Papillomvirus: Gebärmutterhalskrebs, Krebs im Kopf-, Hals- und Oralbereich
- Hepatitis-B-, Hepatitis-C- und Hepatitis-D-Virus: Leberkrebs
- Epstein-Barr-Virus: u. a. Magenkrebs, Hodgkin- und einige Non-Hodgkin-Lymphome
- Humanes Herpesvirus Typ 8: Kaposi-Sarkom, bestimmte Lymphome
- Humanes T-lymphotropes Virus Typ 1: T-Zell-Leukämie und Lymphome
- Merkelzell-Polyomavirus: Merkelzellkarzinom
- HI-Viren: Kaposi-Sarkom und Non-Hodgkin-Lymphom
Werbung
So wichtig ist Krebsprävention
Warum einige Infektionen einen chronischen Verlauf nehmen und Krebs auslösen, viele andere dagegen folgenlos abklingen, ist seit Jahren eine Forschungsfrage, auf die es noch keine generelle Antwort gibt.
„Viele Einzelfaktoren wirken zusammen“, sagt Bartenschlager. Veranlagung spielt eine Rolle. Sogenannte HLA-Gene etwa bestimmen, wie die Immunantwort eines Menschen ausfällt. Aber auch der Lebensstil zählt. Eine Infektion mit Hepatitis-C-Viren verläuft schleichend. „Betroffene tragen das Virus unbemerkt Jahrzehnte in sich, bis irgendwann die Leber nicht mehr funktioniert“, so der Virenspezialist. Wer dazu regelmäßig Alkohol trinkt oder eine Fettleber hat, steigert sein Risiko für einen Tumor um ein Vielfaches.
Bis der Krebs entsteht, können Jahre und sogar Jahrzehnte vergehen – ein Ansatz für echte Prävention. Seit 2021 ist etwa das einmalige Screening auf Hepatitis C in den Behandlungsleitlinien empfohlen. Kombiniert mit einem Bluttest auf Hepatitis B zählt es nun zum Check-up ab 35 Jahren.
Früh genug erkannt, lässt sich die Krebsentstehung mittels antiviraler Therapie wirksam verhindern. „Die Leber kann sich so gut regenerieren, dass sogar Menschen, die für eine Lebertransplantation vorgesehen sind, diese nicht mehr brauchen“, weiß Biologe Bartenschlager.
Den besten Schutz bieten Impfstoffe. Sie beugen einer Infektion vor und verringern das Krebsrisiko enorm. Bislang stehen Vakzine gegen HPV- und Hepatitis-B-Viren zur Verfügung – jedoch nicht gegen Hepatitis C, da die Vielzahl der Virusvarianten die Suche nach einem geeigneten Vakzin erschwert.
Weltweit forschen Wissenschaftler an Impfstoffkandidaten. Und sie versuchen, weitere Tumorviren aufzuspüren. „Mit den modernen bioinformatischen Methoden können wir jetzt in nahezu allen Genomen nach bekannten und bisher unbekannten Viren suchen“, sagt der Experte.
Die wirkliche Herausforderung sei zu zeigen, welches dieser Viren tatsächlich onkogenes Potenzial hat. Infektionsforschung ist auch Krebsforschung.
FOCUS-GESUNDHEIT 07/21
Dieser Artikel ist eine gekürzte Fassung. Den vollständigen Text finden Sie in der Ausgabe Krebs von FOCUS-GESUNDHEIT. Weitere Themen: Alternativen zur Chemotherapie bei Brustkrebs, neue Behandlungen bei Hautkrebs. U.v. m.
Zum E-Paper-Shop
Zum Print-Shop