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Die Meldung einer großen Krankenkasse machte im Frühjahr 2024 Schlagzeilen: chlagzeilen: 88 Prozent der Rücken-OPs, hieß es, seien unnötig. Die Techniker Krankenkasse (TK) hatte ein Zweitmeinungsprogramm ausgewertet, für das mehr als 9.000 Rückenpatienten in einem Schmerzzentrum untersucht wurden. Bei fast neun von zehn Betroffenen, denen ein chirurgischer Eingriff empfohlen worden war, kamen die Untersuchenden zu dem Schluss, dass gar keine Operation nötig sei. Das Fazit der Kasse: „In Deutschland wird leider immer noch zu schnell zum Messer gegriffen.“ Wenn so viele Patienten eigentlich ohne OP auskämen, gebe es Fehler im System.
Unters Messer nach ausführlicher Beratung
Erkrankungen der Wirbelsäule zählen zu den Volkskrankheiten: Rückenschmerzen sind mit der häufigste Grund für eine Krankschreibung. Und verschleißbedingte Rückenprobleme – Bandscheibenvorfall, Wirbelgelenksarthrose, Wirbelkanalverengung – sind verbreitet. Auf dem OP-Tisch lassen sich viele beheben: Chirurginnen und Chirurgen könnten die drückende Bandscheibe ganz oder teilweise entfernen, sie durch eine Prothese ersetzen, den Wirbelkanal erweitern oder Wirbel versteifen.
Doch ist ein chirurgischer Eingriff unter Narkose, der ja Risiken birgt, immer die beste Lösung? Die Antwort lautet: jein. Sogar Wirbelsäulenchirurgen betonen, dass Rückenschmerzen nicht immer mit dem Skalpell behoben werden müssen. Dass das Gros der Eingriffe unnötig sei, wollen sie aber nicht stehen lassen. Weil die OPs Schmerzen lindern und Lebensqualität zurückgeben können.
So war es bei Markus Stork (Name von der Redaktion geändert). 15 Jahre lang litt der 81-Jährige unter Rückenschmerzen. Auslöser war eine altersbedingte Verengung des Wirbelkanals im unteren Rücken. „Zunächst rieten mir Ärzte zu Gymnastik, was eine Weile half“, berichtet Stork. Doch irgendwann brachten Übungen und Schmerzmittel keine Linderung mehr. Zu sehr engte die Verknöcherung die Nerven ein, zu groß war der Schmerz, der bald jeden Schritt zu Qual machte. Bilder seiner Wirbelsäule bestätigten, was Stork täglich leidvoll spürte: „Vom Querschnitt des Kanals eines Lendenwirbels waren nur noch 15 Prozent übrig.“ Der Arzt riet zur OP.
Die endgültige Entscheidung habe allein er getroffen, berichtet der Rentner: „Die Ärzte haben mich ausführlich über die Risiken aufgeklärt – und die fand ich durchaus beeindruckend. Doch schließlich habe ich mich für die Chance auf mehr Mobilität entschieden.“ Der fast zweistündige Eingriff verlief gut. „Mein Optimismus vor der OP beruhte vor allem darauf, dass ich mich gut informiert fühlte und frei entscheiden durfte“, sagt der 81-Jährige. Stork hat sich im Wirbelsäulenzentrum am St. Josefs-Hospital Wiesbaden operieren lassen. Marcus Richter, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, ist hier einer der Chefärzte.
Eine Verengung des Wirbelkanals wie bei Stork, sagt der Professor, sei der häufigste Grund für eine Wirbelsäulen-OP. „Sie entwickelt sich durch Abnutzung.“ Weil die Bandscheibe mit dem Älterwerden schrumpft, verringert sich die Höhe zwischen den Wirbelkörpern. Das versucht der Körper zu kompensieren, indem er mehr Knochensubstanz einbaut. Es kommt zu Veränderungen der Wirbelgelenke und der Bänder im Wirbelkanal. Dadurch hat das Nervengewebe weniger Platz, was die typischen Symptome verursacht.
Betroffenen fällt das Gehen immer schwerer. „Manche können nur noch zehn Meter schmerzfrei laufen“, berichtet Richter. Mit Krankengymnastik ließen sich die Symptome zwar lindern, die Verengung jedoch verschwinde nicht. „Sie lässt sich nur durch eine OP beheben.“ Lebensnotwendig sei so ein Eingriff nicht, betont Richter. „Kann jedoch ein alter Mensch, der allein wohnt, nicht mehr in die Stadt, verliert er viel Lebensqualität.“
Die Medienberichte über viele unnötige Wirbelsäulen-OPs empfindet der Chirurg als deplatziert. „Wir haben noch nie aus finanziellen Gründen zur OP geraten.“ Oft kämen Menschen zu ihm, die alle konservativen Maßnahmen hinter sich hätten, sagt Richter. „Stellt sich durch Bewegung, Physio- und Schmerztherapie keine Besserung ein, werden viele ihre Einschränkungen nur noch durch eine OP los.“
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Der Patientenwunsch steht im Mittelpunkt
Anders sieht es bei Bandscheibenvorfällen aus. „Mindestens 90 Prozent lassen sich konservativ therapieren“, sagt der Chefarzt, der sich zusätzlich auf Chirotherapie, physikalische Therapie und Schmerztherapie spezialisiert hat. Doch das sei oft langwierig: „Studien zeigen, dass die Ergebnisse der operativen und konservativen Therapie bei einem Bandscheibenvorfall ohne gravierende neurologische Defizite erst nach zwei Jahren gleich sind.“ So lange wollen viele nicht warten. Und bitten um eine OP. „Um den Patienten soll es doch gehen – um sein Wohlbefinden und seine Lebensqualität“, sagt Richter. Beides sei so individuell wie die Furcht vor Risiken: „Manche wollen den Eingriff unbedingt, obwohl nur eine Taubheit und Schmerzen bestehen. Andere möchten sich keinesfalls operieren lassen, obwohl es medizinisch sinnvoll wäre.“
Etwa zehn Prozent seiner Patienten, so der Arzt, holten eine Zweitmeinung ein, bevor sie sich operieren ließen. Andere kämen für eine Zweitmeinung zu ihm. „Ich finde es grundsätzlich gut, eine andere Einschätzung hinzuzuziehen“, sagt Richter. „Vertraut man seinem Arzt und fühlt sich gut aufgeklärt, kann man aber darauf verzichten.“ Richter rät allen Rückenpatienten, sich an ein Zentrum zu wenden, das konservative Behandlungsmöglichkeiten und verschiedene OP-Methoden anbietet. „Es geht nich nur um die Entscheidung für oder gegen eine OP, sondern auch darum, welcher Eingriff der beste ist.“ Das hänge unter anderem vom Alter des Patienten und dessen Aktivitäten ab.

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FOCUS-Gesundheit 04/24
Dieser Artikel ist eine gekürzte Fassung. Den vollständigen Text finden Sie in der Ausgabe Klinikliste 2025. Weitere Themen: Modellprojekt: Neues Diagnoseverfahren bei seltenen Erkrankungen. Wird bei Rückenschmerzen zu schnell operiert? So treffen Sie für sich die richtige Entscheidung. U.v.m.
Zweitmeinung – In sieben Schritten zur fundierten Entscheidung
Gesetzlich Versicherte haben bei einer planbaren OP an der Wirbelsäule das Recht auf eine Zweitmeinung. Sie können das Votum für oder gegen den Eingriff noch einmal kostenlos mit einem anderen Spezialisten besprechen.
1. Informieren Sie Ihren behandelnden Arzt über Ihr Vorhaben, eine zweite Meinung einzuholen, und bitten Sie um Befunde, Berichte, Bilder oder Laborwerte.
2. Vereinbaren Sie einen Termin. Von der Kassenärztlichen Vereinigung zur Zweitmeinung berechtigte Ärztinnen und Ärzte finden Sie unter: www.116117.de/zweitmeinung
3. Bringen Sie Befunde und Berichte mit, die zu dem Rückenproblem vorliegen. Das verhindert erneute Untersuchungen und spart Zeit.
4. So läuft der Termin ab: Reichen die vorhandenen Unterlagen aus, besteht der Termin nur aus einem Gespräch. Sind die Vorbefunde nicht aussagekräftig genug, stehen weitere Untersuchungen an.
5. Sie bestimmen, wie es weitergeht – unabhängig von den ärztlichen Empfehlungen. Auch wenn sic beide Experten für eine OP aussprechen, können Sie sich dagegen entscheiden.
6. Schriftliche Einschätzung: Auf Ihren Wunsch hin teilt der Zweitmeiner seine Einschätzung mit dem behandelnden Arzt und fasst seine Empfehlung für Sie schriftlich
7. Immer noch unsicher? Eine Entscheidungshilfe finden Sie hier: www.gesundheitsinformation.de/pdf/entscheidungshilfe/entscheidungshilfe_interaktiv.pdf
Die Anzahl der Bandscheiben-OPs einer Klinik sei hingegen kein alleiniges Qualitätsmerkmal, da so viele Patienten erfolgreich konservativ behandelt werden können. Eine sehr hohe OP-Zahl, sagt Richter, sei daher kritisch zu hinterfragen. Denn es gebe sie, zum Glück nur selten: die schwarzen Schafe, die Bandscheibenvorfälle sehr häufig operieren. „Bei übertrieben hohen Zahlen in Relation zur Abteilungsgröße sollte man im Bereich der Bandscheibenchirurgie hellhörig werden. Eingriffe im niedrigen dreistelligen Bereich sind allemal genügend.“
Richter selbst steht an drei Tagen pro Woche im OP, an den zwei anderen sieht er seine Wirbelsäulenpatienten in der Sprechstunde.
Simon Winter (Name von der Redaktion geändert) war auch darunter. Der 34-Jährige hatte einen schweren Bandscheibenvorfall, den er ohne OP in den Griff bekommen hat. „Es begann mit einem Stechen, das ich nicht so ernst genommen habe“, berichtet der Polizist. „Ein paar Tage später bin ich vor Schmerzen auf den Fliesen zusammengesackt und konnte nicht mehr aufstehen.“ Winters Partnerin rief den Notarzt. In der Klinik bekam der 34-Jährige Schmerzmittel, dann klärte ihn Richters Chefarztkollege Philipp Hartung über die Behandlungsmöglichkeiten auf. „Er gab mir zu verstehen, dass er eine konservative Therapie sinnvoller fände, hat die Entscheidung aber komplett mir überlassen.“
Winter nahm Kortisontabletten ein und Schmerzmittel, erholte sich zu Hause, ging zwei- bis dreimal pro Woche zur Physiotherapie. Jetzt, zwei Monate später, geht es ihm besser. „Ich bin noch nicht ganz fit, aber zunehmend belastbarer und mobiler.“ Dass er sich für die konservative Therapie entschieden hat, hatte auch mit seinem Respekt vor dem Eingriff zu tun: „Den Gedanken, dass an meiner Wirbelsäule operiert wird, fand ich ehrlich gesagt nicht so toll.“
Das Risiko von OP-Komplikationen ist heute geringer als früher. „In der Wirbelsäulenchirurgie hat sich viel getan, was Techniken, Narkose, Hilfsmittel, Planung und Nachsorge angeht“, sagt Christoph Mehren, Chefarzt des Wirbelsäulenzentrums in der Schön Klinik München Harlaching. Aber natürlich bleibe ein gewisses Risiko. Bei der Entscheidung für oder gegen eine OP müssten Orthopäden sich vor allem die Zeit nehmen, den Patienten zuzuhören, und nicht nur die Befunde begutachten. „Wir dürfen keine Bilder operieren, sondern müssen individuelle Voraussetzungen und Erwartungshaltungen berücksichtigen“, sagt Mehren. Gemeinsam mit den Patienten eine maßgeschneiderte Entscheidung zu treffen, sei ein wichtiges Qualitätsmerkmal in der Wirbelsäulenchirurgie, so der Orthopäde.
Er mahnt die Rückengeplagten, sich von einer OP nicht zu viel zu erhoffen: „Viele erwarten, dass der Arzt die Schmerzen für immer beseitigt. Doch wir können nur reparieren, nicht erneuern. Wir verbessern die Situation mit einer gewissen Vorhersagbarkeit, aber ohne Garantie.“
Mehren, der auch Sportmediziner ist, rät Patienten, die konservativen Möglichkeiten auszureizen, bevor sie sich operieren lassen. „Wer es etwa schafft, sein Übergewicht deutlich zu reduzieren, hat gute Chancen, dass er ein Schmerzlevel erreicht, bei dem eine Operation nicht mehr notwendig ist.“ Es gehöre, so Mehren, zu den Aufgaben der Ärzte, die Erwartungshaltung vorab zu thematisieren. „Sagt mir jemand, dass er jede Woche eine Schmerztablette nehmen muss, rate ich eher dazu, das weiter zu tun, statt zu operieren. Denn es ist nicht unwahrscheinlich, dass er auch dann jede Woche eine Schmerztablette nehmen muss, nachdem ich im OP Wirbelgelenke versteift habe.“
Schlage dagegen ein Schmerzmittel auf die Nieren und sei nicht mal mehr Spazierengehen möglich, bietet der Arzt eher eine OP an, „weil die Chance sehr groß ist, dadurch das alltägliche Leben enorm zu verbessern“. 88 Prozent der Rücken-OPs als überflüssig zu bezeichnen, sei „Unsinn und Polemik“, findet Mehren: „Die Lebensqualität zu steigern, ist nie überflüssig.“ Dass Rückenschmerzen häufig operiert würden, sei eben auch eine Folge veränderter Anspruchshaltung : „Heute wollen 70-Jährige noch Marathon laufen. Und die allermeisten sind nach der OP zufriedener als vorher.“ Bei allem Für und Wider sollten Patienten eines nicht vergessen: Die Entscheidung treffen immer sie selbst. Und das ist eher Luxus als Problem.
Jetzt hilft nur eine OP
In folgenden Fällen ist ein operativer Eingriff zur Linderung der Rückenprobleme notwendig:
- Massive neurologische Ausfälle: Ein Bandscheibenvorfall oder eine Wirbelkanalverengung verursacht z. B. Lähmungen in den Beinen, Blasen- und Mastdarmschwäche oder -lähmung
- Extreme Schmerzen: Ein Bandscheibenvorfall oder eine Wirbelkanalverengung führt zu schwer erträglichen Beschwerden, die sich mit Medikamenten nicht kontrollieren lassen
- Konservative Maßnahmen ausgeschöpft: Trotz Einsatz aller konservativen Maßnahmen stellt sich keine Besserung ein