Eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wird oft mit Kindern in Verbindung gebracht. Doch etwa die Hälfte der Betroffenen hat auch im Erwachsenenalter noch Symptome, was im täglichen Leben zu verschiedensten Herausforderungen führt.

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Achterbahn im Kopf: Herausforderungen im Alltag
Das Leben mit ADHS ist für Lisa geprägt von einer ständigen Suche nach Motivation und dem Umgang mit einem Gehirn, das von Neuem, Spannendem oder Dringendem angetrieben wird. "Ich kann nicht einfach morgens aufstehen, mir eine To-do-Liste schreiben und sagen: Die arbeite ich jetzt ab. Im Prinzip wache ich morgens auf und es ist immer so ein bisschen wie ein Überraschungsei. Was passiert heute? Wie viel Energie habe ich übrig?", beschreibt sie.
Dies führt zu einem Alltag, der oft chaotisch ist. „Sehr viel Zeit des Tages dreht sich darum, Dinge nicht zu vergessen oder auch darüber nachzudenken, ob ich gerade was vergessen haben könnte“, erzählt sie. Zudem kann sie schwer einschätzen, wie viel Zeit sie für eine Aufgabe braucht, was es erschwert, den Tag zu planen.
Ihre Gedanken beschreibt sie als „innere Achterbahn“: „In meinem Kopf sind ganz viele Schubladen. Die sind alle offen und irgendwie fliegt ganz viel rum und keiner weiß so richtig, wo die Gedanken dann so wirklich hingehören.“
Strategien im Umgang: Body Doubling
Die Methoden, die Lisa anwendet, um mit ADHS im Alltag zurechtzukommen, sind kreativ. "Ich mache zum Beispiel jeden Samstag einen Stream mit meiner Community, wo wir zusammen aufräumen", erläutert sie eine ihrer Strategien. Das nennt sich "Body Doubling". Denn gemeinsam mit anderen Personen fällt das Erledigen von Aufgaben häufig leichter.
Lisa hat aber auch erkannt, dass keine Methode für immer und jeden Tag funktioniert. Denn ihr Gehirn möchte immer neue, spannende Reize. Daher hat sie eine Liste mit möglichen Strategien und entscheidet jeden Tag aufs Neue: Was davon könnte heute funktionieren?
In ihrem Buch „Hirngespinste“ teilt Lisa ihre Erfahrungen und gibt Einblicke in das Leben mit ADHS als Erwachsene.
Positive Aspekte von ADHS
ADHS ist per Definition eine psychische Erkrankung. Inzwischen spricht man aber eher von einer Neurodivergenz. Das bedeutet, dass es neurotypische Gehirne gibt und Gehirne, die anders funktionieren, also quasi einen anderen Bauplan haben – wie auch bei ADHS.
Neue Studien zeigen sogar, dass Menschen mit ADHS durch ihre Kreativität evolutionär im Vorteil waren. Erst in unserer modernen, strukturierten Gesellschaft führte es zu Problemen.
Auch Lisa sieht positive Aspekte in ihrer ADHS. Sie empfindet eine starke Begeisterungsfähigkeit und Kreativität, die ihr hilft, Probleme auf ungewöhnliche Weise zu lösen. "Man findet kreative Wege, seine eigenen Probleme oder die Probleme von anderen zu lösen, weil man es irgendwie auch immer musste", reflektiert Lisa.
Diese positiven Aspekte beobachten viele Menschen mit ADHS:
- Begeisterungsfähigkeit: Menschen mit ADHS können sich für eine Vielzahl von Themen begeistern, was zu einer breiten Wissensbasis und vielfältigen Interessen führt.
- Kreativität: ADHS fördert kreative Denkweisen und Problemlösungen, da Betroffene gewohnt sind, Herausforderungen auf unkonventionelle Weise zu meistern.
- Empathie: Aufgrund des eigenen „Andersseins“ und der damit verbundenen Erfahrungen entwickeln viele Betroffene eine starke Empathiefähigkeit.
- Hyperfokus: Unter bestimmten Bedingungen können Menschen mit ADHS einen Zustand des Hyperfokus erreichen, in dem sie sich intensiv und über einen längeren Zeitraum hinweg auf eine Aufgabe oder ein Projekt konzentrieren können, was zu außergewöhnlichen Leistungen und hoher Produktivität führen kann.
Podcast: Ursachen, Symptome und Behandlungsoptionen bei ADHS
Lisas Erfahrungen zeigen, dass der Umgang mit ADHS Kreativität erfordert, Selbstakzeptanz fördert und dazu anregt, das Leben auf individuelle Weise zu gestalten. Darüber sprechen wir mit ihr im Podcast „Auf Herz und Nieren“. Zudem haben wir Dr. Daniel Schöttle, Chefarzt der Psychiatrie an der Asklepios Klinik Harburg, zu Gast. Er erklärt, welche Ursachen hinter ADHS stecken, warum oft Depressionen und Suchtproblematiken damit einhergehen und welche Behandlungsoptionen es gibt.
#53 ADHS bei Erwachsenen: Über Mythen, Hyperfokus und Neurodivergenz
Mehr Infos zur Folge
Wie fühlt sich ADHS an und wie gehen Betroffene im Alltag damit um? Darüber sprechen wir mit Buchautorin Lisa Vogel, die im Alter von 27 Jahren die Diagnose bekommen hat. Wir klären, wie sich ADHS bei Erwachsenen äußert und warum ADHS – besonders bei Mädchen – oft übersehen wird. Außerdem sprechen wir über die positiven Aspekte, die ADHS mit sich bringen kann.
Dr. Daniel Schöttle, Chefarzt der Psychiatrie an der Asklepios Klinik Harburg, erklärt, welche Ursachen dahinterstecken, warum oft Depressionen und Suchtproblematiken mit ADHS einhergehen und welche Behandlungsoptionen es gibt.