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Gesundheitsapps auf Rezept

Mit Apps auf Rezept können Patienten entscheidend zur eigenen Gesundheit beitragen. Vier Experten erklären, was es dabei zu beachten gilt. Plus: Eine Übersicht über das aktuelle Angebot

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Digitale Gesundheitsanwendung (DiGa): Zeichnung einer Hand, die ein Handy in der Hand hält, auf dem eine Ärztin abgebildet ist

© Cliudmyla Povorozniuk Depositphotos

Gesundheitsapps machen die medizinische Versorgung in Deutschland patientenfreundlicher. So versprach es Ende 2019 der damals amtierende Gesundheitsminister Jens Spahn. Kurz darauf gingen in Deutschland die weltweit ersten Apps auf Rezept an den Start. Derzeit umfassen die sogenannten digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGAs) 33 Apps für Krankheiten wie Diabetes, Depression, Tinnitus oder Adipositas.

Um es in das offizielle Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte zu schaffen, müssen die Hersteller neben der sicheren Anwendung auch deren Nutzen nachweisen: die Verbesserung von Symptomen zum Beispiel, den erleichterten Umgang mit der Krankheit oder dass der Gebrauch die Genesung fördert. Der wissenschaftliche Beweis für den „positiven Versorgungseffekt“ erfolgt entweder vor der Aufnahme ins DiGA-Verzeichnis oder wird binnen eines Jahres nachgereicht.

Entsprechend gelistete Apps können Ärzte per Rezept verschreiben. Die Kosten tragen die gesetzlichen Krankenkassen. Nun, rund zwei Jahre nach dem Auftakt der ersten Apps, ziehen Sachkundige aus Arztverbänden, Kliniken und App-Werkstätten Bilanz über den Nutzen der DiGAs – und erklären, wie Anwender diese sinnvoll handhaben.

Für welche Zielgruppe sind die Apps auf Rezept gedacht? Max Tischler, Hautarzt, treibt digitale Medizin voran: Die derzeit verfügbaren Anwendungen konzentrieren sich vor allem auf chronische Erkrankungen. Personen mit Diabetes können beispielsweise ihre Blutzuckerwerte protokollieren, Patienten mit einer Angststörung auf verhaltenstherapeutische Kurse zugreifen und Menschen mit Rückenproblemen ein schmerzlinderndes Übungsprogramm absolvieren. Der größte Anteil entfällt auf DiGAs für die Psyche. Weil die Ausrichtung meist sehr spezifisch ist, muss das Beschwerdebild des Patienten gut zur App passen. Der behandelnde Arzt kennt die Ausschlusskriterien und kann hier weiterhelfen.

Muss man technikaffin sein, um das Angebot zu nutzen?
David Daniel Ebert, Universitätsprofessor, forscht im Bereich DiGAs: Nein. Die Apps sind in der Regel so übersichtlich gestaltet, dass sie sich auch mit geringer technischer Vorerfahrung bedienen lassen. Ich kenne eine 79-jährige Dame, die sehr gut mit einer unserer „HelloBetter“- Anwendungen für psychische Gesundheit zurechtkam.

Wie erhalte ich Zugang?
Thomas Kriedel, Sprecher für Digitalthemen bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: Patienten können sich die App verschreiben lassen und das Rezept einreichen oder sich direkt an die Krankenkasse wenden. Dort erhalten sie einen Zugangscode. Ich empfehle den Weg über die Arztpraxis. Ob eine Nutzung sinnvoll ist, sollte immer mit einer medizinischen Fachkraft besprochen werden.

Sind die Apps einer ärztlichen Behandlung gleichzusetzen?
Kriedel: DiGAs dürfen nie den Arztbesuch ersetzen. Im Gegenteil, die Nutzung sollte unbedingt vom Haus- oder Facharzt begleitet werden.

Bernhard Gehr, Diabetologe, baut in der Diabetestherapie auf moderne Ausstattung: Manche Patienten brauchen die menschliche Motivation von außen besonders, um am Ball zu bleiben. Eine medizinische Fachkraft kann etwa gut bei Unsicherheiten im Umgang mit der Technik helfen oder erinnert an den Nutzen einer DiGA. Im besten Fall bespricht der Patient die in der App gesammelten Gesundheitsdaten mit dem Haus- oder Facharzt. Das kommt gerade bei Diabetes der Behandlung sehr zugute.

Psychotherapeuten haben oft lange Wartezeiten. Können hier DiGAs einspringen?Tischler: Es stimmt, vor allem bei psychischen Krankheiten warten Patienten oft Wochen bis Monate auf einen Termin beim Therapeuten. Da können die Gesundheitsapps sicherlich eine Versorgungslücke überbrücken und eine gute Hilfestellung sein. Zumindest der behandelnde Arzt oder Hausarzt sollte aber mit an Bord und der Therapieplatz angefragt sein.

Ebert: Wir sehen in unseren Umfragen: Mit den „HelloBetter“-Apps für psychische Störungen erreichen wir auch Menschen, die nicht zum Therapeuten gehen würden. Da ist es natürlich besser, eine App zu verwenden, als mit der Krankheit ganz alleine zu bleiben. Ich würde trotzdem zumindest zu einem Erstgespräch mit einem Psychotherapeuten raten.

Nicht alle Mediziner werden den Prozess mit einer App begleiten wollen.
Ebert: In solchen Fällen würde ich nur zu Anwendungen raten, die die Möglichkeit bieten, einen Arzt oder Therapeuten zu kontaktieren.

Diese Apps gibt’s auf Rezept

DiGA-Apps sind verschreibungsfähig und werden von der Kasse erstattet. Die meisten digitalen Helfer unterstützen die psychische Gesundheit – meist mit Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie, die ungünstige Denk- und Verhaltensmuster durchbricht und dazu beiträgt, Probleme besser zu lösen. Hier ein Überblick über alle aktuell zertifizieren Apps, geordnet nach Fachgebieten.

Apps für die Psyche

Angst und Panik

Die folgenden Apps klären über die jeweilige Angst- oder Panikstörung auf, enthalten Übungen zur Konfrontation mit Triggern und Achtsamkeitstrainings. Es besteht die Möglichkeit, einem Psychologen zu schreiben. VELIBRA wendet sich an Menschen mit einer generalisierten Angststörung, Panikstörung mit oder ohne Agoraphobie oder einer sozialen Angststörung. INVIRTO wurde entwickelt für Agoraphobien, Panikstörungen oder soziale Phobien. Eine VR-Brille ermöglicht eine niedrigschwellige Konfrontation mit den Ängsten. Der Therapeut ist in den Kurs eingebunden. HELLOBETTER PANIK und MINDABLE eignen sich bei einer Agoraphobie und/oder Panikstörung. SELFAPY gibt es für Angst- wie auch Panikstörungen.

Brustkrebs

OPTIMUNE und PINK! COACH bieten Lernmodule, die zu einem gesünderen Lebensstil, zu erholsamerem Schlaf und zu einer allgemein besseren psychischen Gesundheit während und nach einer Brustkrebstherapie beitragen. Mit CANKADO PRO-REACT ONCO lassen sich therapiebedingte Beschwerden erfassen und medizinische Dokumente archivieren. Die App gibt an, wie dringend das jeweilige Symptom ärztlich abgeklärt werden muss.

Depression

Die mehrwöchigen Online-Therapieprogramme DEPREXIS, NOVEGO und SELFAPY helfen beim Umgang mit negativen Gedanken und Schlafproblemen. Sie vermitteln Strategien zur Alltagsbewältigung und Rückfallprävention. Novego und Selfapy bieten zudem die Möglichkeiten, via Chat einen Psychologen zu kontaktieren.

Stress

Die App HELLOBETTER STRESS UND BURNOUT zielt darauf, den Umgang mit Stress zu verbessern, das Zeitmanagement zu optimieren und belastende Gedanken einzudämmen. Über einen Chat kann ein Psychologe kontaktiert werden.

Schmerzen

HELLOBETTER RATIOPHARM CHRONISCHER SCHMERZ ist ein psychologisches Programm zur Reduzierung anhaltender Schmerzen. Die App baut auf verhaltenstherapeutische Lerninhalte und Übungen, um Vermeidungsverhalten in Bezug auf unangenehme Erlebnisse abzubauen und Patienten wieder handlungsfähig zu machen.

Sucht

Mit Apps gegen Abhängigkeit: Online-Coachings erläutern, wie sich Gewohnheiten langfristig durchbrechen lassen, um eine Tabakabhängigkeit (NICHTRAUCHERHELDEN) oder Alkoholsucht (VORVIDA) zu überwinden.

Schlafstörungen

SOMNIO vermittelt Hintergrundwissen zu Schlafproblemen. Betroffene lernen, nächtliches Grübeln zu reduzieren und mittels Entspannungstechniken schneller einzuschlafen.

Weitere Indikationen

Adipositas

ZANADIO und OVIVA DIREKT enthalten Hintergrundwissen zu Adipositas, Sportübungen, Rezeptvorschläge und eine Tagebuch-Funktion, um Fortschritte beim Abnehmen im Blick zu behalten. Zanadio wendet sich speziell an Frauen.

Diabetes

HELLOBETTER DIABETES UND DEPRESSION ist ein interaktives Therapieprogramm, um die psychische Belastung durch Diabetes zu mindern und den Umgang zu erleichtern. Über Chat kann ein Psychologe kontaktiert werden. VITADIO liefert Menschen mit Typ-2-Diabetes tägliche Aufgabenstellungen und Nachrichten zu Ernährung, Schlaf, Bewegung und Wohlbefinden. Ziel ist, einen gesünderen Lebensstil zu entwickeln. Die ESYSTA APP & PORTAL empfängt automatisch Daten von kompatiblen Blutzuckermessgeräten und Insulinpens und trägt sie in ein Tagebuch ein. Eine Ampel warnt vor kritischen Werten.

Knieprobleme

An 14- bis 65-jährige Patienten mit vorderem Knieschmerz richtet sich die App COMPANION PATELLA. Anwender erhalten einen personalisierten therapeutischen Trainingsplan. MAWENDO ist ausgelegt für Erkrankungen der Kniescheibe. Gemeinsam mit dem behandelnden Arzt erstellen Patienten in der App ein passendes Trainingsprogramm und führen die Übungen zu Hause selbstständig durch.

Multiple Sklerose (MS)

ELEVIDA wurde speziell für ein häufiges Begleitsymptom der MS entwickelt: übermäßig starke Erschöpfung (Fatigue). Ein psychologisches Programm zeigt auf, wie Betroffene zur richtigen Balance von Aktivität und Erholung finden.

Reizdarm

Hinter Cara Care verbergen sich Anleitungen zur Low-FODMAP-Diät (Ziel ist, Nichtverträgliches zu erkennen und wegzulassen), audiogeführte Hypnosemodule für eine verbesserte Darm-Hirn-Kommunikation sowie verhaltenstherapeutische Übungen.

Sexualstörungen

HELLOBETTER VAGINISMUS PLUS zielt darauf ab, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr zu reduzieren. Die App umfasst ein Vaginaltraining und Entspannungsübungen. Partner können miteinbezogen werden. KRANUS EDERA unterstützt Männer mit erektiler Dysfunktion durch Beckenbodentraining, Ausdauertraining und sexualtherapeutische Übungen.

Sprachstörungen

NEOLEXON APHASIE unterstützt die logopädische Behandlung. Der Arzt legt passende Übungen zum besseren Verstehen, Sprechen, Lesen und Schreiben fest, die der Patient anschließend zu Hause üben kann.

Tinnitus

KALMEDA und MEINE TINNITUS APP verhelfen Patienten ab 18 Jahren zu einem besseren Umgang mit der Krankheit – indem Betroffene lernen, Störgeräusche besser auszublenden, Stress zu reduzieren und sich in Akzeptanz zu üben.

© FOCUS-Gesundheit

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Dieser Artikel enthält allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Den passenden Arzt finden Sie über unser Ärzteverzeichnis.

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